Nach Wesel zur Niederrhein-Ausstellung
am 22. Januar 2006

Am Sonntag, den 22. Januar 2006, war als erster Ausflug des Jahres eine Fahrt mit dem RE 5 nach Wesel zur Ausstellung „Eisenbahnen am Niederrhein“ auf das Flügelrad-Programm gesetzt worden. Die Ausstellung hatte das Städtische Museum Wesel schon im letzten Herbst in der Galerie am Centrum aufgebaut - sie war seit Oktober 2005 geöffnet und sollte Ende Januar 2006 zu Ende gehen. Höchste Zeit also für interessierte Bahnfreunde, diese Ausstellung zu besuchen. Zudem schien uns wegen der kalten Jahreszeit und der ungünstigen Lichtverhältnisse im Januar ein Museumsbesuch in geheizten Räumen geeigneter als eine Fototour im winterlichen Dämmerlicht oder eine Bahnfahrt mit mehrfachem Umsteigezwang im Wintersturm oder gefrierenden Schneeregen.

Am bekannten Treffpunkt im Kölner Hauptbahnhof versammelten sich am Sonntagmorgen nach und nach die Mitreisenden und bald war ein knappes Dutzend Flügelrädler zusammen. Schnell wurde durchgezählt, wieviele Tickets noch gekauft werden mußten. Von Schängelchen war bekannt, daß er seit Koblenz bereits ohne Zugbindung, aber mit Schönes-Wochenende-Ticketbindung im RE 5 sitzt. Auch Helmut war schon mit einem Schönes-Wochenende-Ticket angereist - es mußte also nur ein NRW-Ticket dem Automaten entlockt werden.

Der Zug war planmäßig, und im Steuerwagen begrüßte uns gutgelaunt unser frischgekürter Kassierer inmitten einer Umgebung unbesetzter Stuhlreihen und Vierer-Abteile. Kurz nach der Abfahrt begannen die einen eifrige Fingerübungen an kleinen geheimnisvollen Plastikschächtelchen mit merkwürdig piepsenden Lauten, andere begannen zu rechnen, was denn jeder Einzelne dieser Fahrt wohl zu zahlen habe bei 14 Mitreisenden und drei verschiedenen Preisen der Tickets (27,00, 30,00 und 32,00 EUR). Andere wollten einfach nur zur Toilette und begannen systematisch den Zug nach einem geöffneten betriebsbereiten (!) WC abzusuchen, denn wie Klaus versicherte, die Toilette im Steuerwagen war planmäßig verschlossen - der neueste Gag von DB Regio, um Fahrgäste zu verschrecken. Wie bei früheren Klassenfahrten wurden auch sogleich die mitgebrachten Brote und Reibekuchen (!) von daheim ausgepackt und verzehrt. In Köln-Mülheim kam der “Sonnenschein” in unser Abteil (der Sonnenschein war aber nicht im Dienst - und das Wetter außerhalb des Waggons war auch grau in grau). Wir waren jetzt vierzehn Reisende, aber der kontrollierende Kundenberater von DB mobility war „not amused“, dies nachzuzählen, zumal wir etwas verstreut im Oberdeck des Steuerwagens saßen. Mittlerweile war Klaus dank der modernen Technik und der Fingerübungen gewisser Mitbürger zum Zentrum der Telekommunikation avanciert, und er berichtete vom erwarteten Zuwachs, den die Reisegruppe in Duisburg bekommen würde. An Düsseldorf und seinen Skytrain-Ruinen waren wir mittlerweile längst vorbei und tatsächlich: beim Halt in Duisburg kamen noch drei Flügelrädler aus dem „Pott“ dazu, mit Startpunkten in Bochum und Wattenscheid auch schon weitgereist an diesem Morgen. In Oberhausen erreichte uns Ansgar als 18. Mitfahrer.

In Wesel wurden wir von einer Bekannten Erwins begrüßt (der Erwin aus Köln - nicht der aus Düsseldorf). Sie wurde unsere Stadtführerin und zeigte uns die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg zur Ausstellung, vorbei am Berliner Tor und dem bronzenen Esel mit den wackelnden Ohren. Die Eisenbahn-Ausstellung in der Galerie am Kornmarkt war als Rundgang durch mehrere Räume aufgebaut. Zahlreiche zeitgenössische Karten und Pläne sowie Originalakten aus der Bauzeit der ersten Eisenbahnen am Niederrhein waren ausgestellt sowie erläuternde farbige Übersichtspläne, die dem Besucher die Vielfalt der verschiedenen privaten und staatlichen Bahnen, der Neben- und Kleinbahnen am Niederrhein sowie natürlich der diversen Rheinquerungen mittels „Trajekt-Anstalten“ und Brücken nahebringen sollten. Für all diejenigen, die sich die frühen Eisenbahnen im ICE 3-Zeitalter so gar nicht vorstellen konnten, standen in großen Vitrinen große und kleine Modelle der damas gebräuchlichen Eisenbahnwaggons und Lokomotiven. Ein ausgestelltes Leihmodell des DB-Museums Nürnberg einer C´C-Malletlokomotive für Steilstreckenbetrieb hatte sich allerdings verfahren, denn wo waren die Steilstrecken am flachen Niederrhein? Etwa die Rampen auf die Brücken? Die waren mit Rücksicht auf die schweren Schnellzüge schon sehr flach geneigt gewesen und benötigten keine Speziallokomotiven für Steilstreckenbetrieb.

In weiteren Tisch- und Wandvitrinen waren die kleineren Artefakte vergangener Eisenbahnepochen dem staunenden Publikum dargeboten, wie so macher Sammler sie schon von Flohmärkten oder Messen zu kennen glaubt: Siegelstempel, Schaffnerzangen, Uniformknöpfe oder Schulterstücke. Edmonsonsche Pappfahrkarten aus der Region und immer wieder die beeindruckenden Ansichten der großen Rheinbrücken (bei Wesel oder die erhaltene Brücke über den Altrhein bei Griethausen) samt Detailzeichnungen der Brückenpfeiler, Durchlässe und  Brückentragwerke, dazu verschiedene Gleispläne des Weseler Bahnhofs aus unterschiedlichen Epochen sorgten für das notwendige Lokalkolorit. Neben den Brückendarstellungen und den Bildern zu den Trajekten von Spyck, Duisburg-Ruhrort/Duisburg-Homberg und Duisburg-Rheinhausen gab es auch unbekannte Fotos von Waggons der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, die MAN damals gebaut hatte.
Die Rheinische Eisenbahn hatte nach ihrer ersten Strecke von Köln nach Aachen (und weiter auf belgischer Seite nach Lüttich und Antwerpen) so nach und nach das größte Schienennetz am Niederrhein aufgebaut, gefolgt von der Cöln-Mindener Eisenbahn und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Mit den großen Verstaatlichungen um 1880 unter der Kanzlerschaft Bismarcks entstanden daraus die preußischen Eisenbahndirektionen Cöln linksrheinisch, Cöln rechtsrheinisch und Elberfeld. Und heute? Nach den Kriegszerstörungen, Streckenstillegungen und dem Abbau von Strecken gibt es im Netz der DB erst bei Duisburg wieder rheinüberquerende Strecken. In Nord-Süd-Richtung ist nur die Strecke Duisburg - Wesel - Emmerich von überregionaler oder internationaler Bedeutung. In Ost-West-Richtung ist das Netz heute verkümmert.

Um nach der vielen geistigen Nahrung nicht selbst zu verkümmern, strebte die Gruppe Flügelrädler nach dem Besuch der Ausstellung flugs in ein Cafe am Platze - es war anscheinend das erste Haus am Platze. Wir wurden bevorzugt an der Kuchentheke bedient, und der Kuchen samt Kaffee, Cappucino oder Tee mundeten allen besonders gut.
Danach blieb bis zur angekündigten Rückfahrt um 17.06 ab Bf Wesel noch ein knappes Stündchen, um schnellen Schrittes zur Zitadelle und durch die dortige Eisenbahnabteilung der Preußen-Ausstellung zu eilen. Ergänzend zum vorher Gesehenen gab es dort ein Modell des Trajektes von Duisburg-Ruhrort samt einiger weiterer Abbildungen sowie natürlich die obligatorischen Übersichtspläne, Karten, Modellbahnen, Signalflügel und Stellwerkshebel. Auf dem Rückweg zum Bahnhof gingen dann doch noch ein paar Reiseteilnehmer verlustig und hechelten der Kölner Truppe in nachfolgenden Zug hinterher.

Henning

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