Flügelrad-Skiwoche im Engadin - Februar 2003

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„Huch, du kannst skilaufen?“ - das ist so die übliche Reaktion, wenn man sich als Eisenbahnfreund - dazu noch schwul - als Wintersportler outet. Zumindest bei uns im Rheinland erntet man dann hochgezogene Augenbrauen und erstaunte Blicke - vielleicht ist das ja weiter südlich anders. Eher begeistert war die Reaktion vor gut einem Jahr, als sich per Zufall  herausstellte, daß immerhin vier Flügelrädler sich auf den  Brettern, die im Winter die Welt bedeuten, bewegen können: Carsten, Eckart, Hans und Henning. Als Minderheit beschloß man natürlich  sofort, gegenüber den Ski-Ignoranten zusammenzuhalten und im nächsten  Winter erstmals eine Flügelrad-Skiwoche auf die Beine zu stellen.

Im Februar 2003 war es so weit: wir vier starteten am 15.2. in die Schweiz, genauer gesagt ins Engadin. Für die große Mehrheit der Nicht-Skifahrer: das ist da, wo die Rhätische Bahn (RhB) mit ihren roten Zügen durch die Berge kurvt und wo auch St. Moritz liegt, Austragungsort der Ski-Weltmeisterschaft Anfang Februar 2003. Drei Dörfer weiter, in Bever, hatten wir eine gemütliche Ferienwohnung gemietet mit herrlichem Ausblick auf den Piz Bernina, das verschneite Engadin und obendrein direkt auf die Albulalinie der Rhätischen Bahn. Am Samstagabend kamen wir in Bever an. Wir geben es verschämt zu: mit dem Auto, denn Skier und Gepäck bei der Mehdorn-Bahn aufzugeben, ist heute eine ähnliche Zumutung wie mehr als vier Stunden Bahn zu fahren... Immerhin haben wir auf 19 km doch die Bahn benutzt, nämlich per Autozug durch den Vereinatunnel der RhB.

Sonntagmorgen besorgte sich Eckart noch Leihski in Pontresina, dann ging es erstmals auf die Piste. Für den Anfang wählten wir das Skigebiet Corviglia/Marguns oberhalb von Celerina und St. Moritz. Erstaunlicherweise war hier wenig Betrieb und es gab keinerlei Wartezeiten, obwohl wir doch mitten in der Hochsaison gelandet waren. Nach einigen leichteren Abfahrten schwebten wir mit dem Sessel noch höher hinauf und tummelten uns auf den Abfahrten „Trais Fluors“ und „Glüna“. Am Montag wechselten wir ins Berninagebiet zur alten „Heimatpiste“ von Hans und Henning, zur „Diavolezza“. Rauf geht's mit der Luftseilbahn, der Start ist auf 2970 m, das Ziel liegt gut 5 km weiter auf 2090 m. Herrliche Schneeverhältnisse, eine nur wenig bevölkerte Piste und tiefblauer Himmel mit strahlender Sonne ließen diesen Tag zum reinen Genuß werden. Das tolle Wetter  blieb uns übrigens die ganze Woche treu!

Am Montagabend weihten wir die Küche unserer Ferienwohnung richtig ein. Nachdem wir uns am Abend zuvor in einem Restaurant ziemlich abgezockt vorgekommen waren, hatte unser Chefkoch Carsten beschlossen, selbst zu kochen. Er zauberte eine vorzügliche Gemüsepfanne hin, dazu gab es natürlich Veltliner, den in Graubünden allgegenwärtigen Rotwein. Das kostete nur einen Bruchteil unseres Menüs vom Vorabend und schmeckte zudem um ein Vielfaches besser!

Auf unseren Brettern fühlten wir uns sehr sicher, so wurde beschlossen, am Dienstag das Corvatsch-Skigebiet zu besuchen. Von Silvaplana fuhren wir mit der Corvatsch-Seilbahn hinauf zur Bergstation auf 3033 m und genossen erst einmal das grandiose  Panorama. Von hier aus schaut man weit über die Alpen, im Westen sind Monte Rosa, Dom und Weißhorn (bei Zermatt) mit bloßem Auge auszumachen. Im Süden liegen zum Greifen nahe die Gipfel der Berninagruppe: Piz Bernina (4049 m), Piz Palü (3905 m), Piz Morteratsch. Nachdem wir uns sattgesehen hatten, stürzten wir uns zu Tal - dies allerdings mehr im wörtlichen Sinne als uns lieb war. Die Corvatsch-Pisten sind ziemlich steil und schmal, es gibt wenig Platz für weite Schwünge. Da hatte man denn auch mal ziemlich engen Bodenkontakt... Naja, gehört eben auch dazu. Die Mittagspause an der Mittelstation Murtél wurde entsprechend ausgedehnt, zumal es hier auch einige „Engelsgesichter“ zu sehen gab.

Wenn man mit dem Flügelrad-Abzeichen unterwegs ist, hat die Eisenbahn auch in einer Skiwoche doch eine gewisse Bedeutung - vor allem, wenn es sich um die Rhätische Bahn handelt. So besorgten wir uns den Regionalpass Graubünden der RhB, der für 85 Franken an zwei Tagen völlig freie Fahrt bietet und an drei weiteren jeweils 50 % Ermäßigung. Am Mittwoch stand ein Ausflug über die Berninabahn nach Tirano auf dem Programm. Als fünfter Mann gesellte sich Wolfgang aus Köln dazu, der gerade Urlaub in Pontresina machte. Wir genossen die herrliche Fahrt über den Pass bei Traumwetter - im Kontrast zur Flügelradreise letzten August. In Poschiavo legten wir eine Pause ein und bummelten durch den Ort. Hier auf der Südseite des  Alpenhauptkamms war der Frühling schon fast zu riechen. Nach einer  guten Stunde ging es weiter, diesmal im Bernina-Express-Panoramawagen bis Tirano. Carsten und Eckart, beide erstmals mit der RhB unterwegs, hatten leuchtende Augen. Auf der Rückfahrt wurde eine Kaffeepause in Miralago, am Lago di Poschiavo, eingelegt - die Teilnehmer unserer letztjährigen Schweizreise werden sich erinnern!

Nach diesem faulen Bahntag ging es am Donnerstag schon früh auf die Piste. Die Diavolezza hatte auch die beiden Newcomer überzeugt, und so genossen wir hier wieder einen herrlichen Skitag mit Blick auf die Gletscherwelt und die Berninabahn. Auch Wolfgang war wieder mit von der Partie, und so machten wir zu fünft die Diavolezza-Abfahrt unsicher. Mittags wechselten wir mit dem kleinen Skibus der Diavolezza-Bahn hinüber zum Piz Lagalb; die beiden Talstationen liegen nur rund 1 km auseinander. Die Lagalb-Abfahrten haben den Vorteil, daß sie den ganzen Nachmittag in der Sonne liegen. Nach der Mittagspause  am Gipfel reichte die Zeit allerdings nur für eine genußreiche  Abfahrt ins Tal, denn für den Rest des Tages hatten wir uns wieder  etwas Besonderes vorgenommen: Wir wollten im Speisewagen der RhB zu Abend  essen!

Da ein passender Speisewagenlauf um 18.52 Uhr in Chur startet, mußten wir den Albula-Schnellzug um 16.16 Uhr ab Samedan nach Chur nehmen. Praktischerweise ist dies die gleiche Wagengarnitur wie der genannte Zug ab Chur, also konnten wir auch die Hinfahrt schon im Speisewagen bei Kaffee und Sachertorte zurücklegen. Die Albulalinie ist immer wieder ein Erlebnis, das wir alle genossen: die Kehrschleifen  zwischen Preda und Bergün, der Landwasserviadukt bei Filisur, der Solisviadukt und die Schynschlucht - alles noch bei Tageslicht, bis bei Thusis schließlich ein tolles Alpenglühen auf den zurückliegenden Gipfeln einsetzte. In Chur reichte die Zeit noch für einen kurzen Rundgang durch die Altstadt, ehe wir wieder unsere Plätze im Speisewagen für das Abendmenu einnahmen. Der Service in diesen Wagen ist immer wieder beeindruckend: alle Gerichte werden an Bord frisch gekocht (nix aus der Tiefkühltruhe und mal kurz in die Mikrowelle!), zum Hauptgang gibt es selbstverständlich Nachschlag, bis man platzt, und alles wird freundlich, aber ruck-zuck serviert. Für unsere Schweizreisenden vom August 2002: wir hatten wieder den gleichen Wagen (Doppelspeisewagen „Jumbo“) und den gleichen weiblichen  Ober wie damals! Nach dem Essen genehmigten wir uns noch einen Espresso und einen Williams. Letzterer wurde wieder mit dem eleganten Schwung eingeschenkt, den einst der legendäre Oberkellner Tempini im Glacier-Express eingeführt hat und den einer seiner Nachfolger mal als „profitablen Blödsinn“ bezeichnete. Blödsinn hin oder her - er schmeckte jedenfalls ausgezeichnet und war das letzte i-Tüpfelchen auf einem tollen Urlaubstag.

Der Freitag war leider schon der letzte Tag hier im Engadin. Wir einigten uns noch einmal auf die Diavolezza, wo wir zu fünft mehrere genußreiche Talabfahrten hinlegten. Die herrliche Sonne und die völlige Windstelle veranlaßten uns zu einer ausgedehnten Mittagspause auf der Terrasse der Bergstation. Hier konnte man es in der Sonne trotz winterlicher Lufttemperaturen stundenlang vor dem grandiosen Gebirgspanorama aushalten. Nach dem Skitag trennten wir uns vorläufig: Hans und Henning fuhren noch hinauf zur Bernina-Passhöhe, um unsere Gastgeber Kurt und Emanuele vom letztjährigen Alp Grüm-Aufenthalt zu besuchen. Beide haben die Alp Grüm aufgegeben und führen seit Weihnachten das große Bernina-Hospiz oben an der Paßstraße - vielleicht in Zukunft mal ein Standort für eine Flügelrad-Bahn- und Wanderwoche.

Unser RhB-Regionalpass beinhaltete auch eine Freifahrt mit einer beliebigen Bergbahn - so trafen wir uns abends um halb sechs an der Talstation der Muottas Muragl-Standseilbahn wieder. Bei Sonnenuntergang kamen wir oben auf 2480 m an, um noch den gewaltigen Ausblick über das Oberengadin und seine Seen zu genießen. Die  Abendstimmung mit den kurzzeitig rot erglühenden Gipfeln war wieder ein tolles Erlebnis. Zu Hause in der Ferienwohnung gab es ein letztes Mal Selbstgekochtes von Carsten, dann hieß es bereits Koffer packen.

Am Samstagmorgen nahmen wir Abschied vom Engadin und traten die Heimreise an, voller Erinnerungen an eine traumhafte Woche im Schnee. Fazit von allen: das sollte nicht die letzte gemeinsame Skiwoche bleiben!

Hans

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