Karneval 2004  - Mehrtagesfahrt in den östlichsten Zipfel Deutschlands

Etwas wehmütig war uns schon zumute, als wir am Donnerstagmorgen schon in der Straßenbahn die Jecken sahen, die bunt kostümiert ins Kölner Zentrum fuhren. Am Hauptbahnhof angekommen, war die ganze Halle beherrscht von Karnevalsjecken, die mit ihren Pauken und Rasseln singend in die Altstadt strömten. Hier war wirklich was los; aber was soll's ! Wir hatten uns anders entschieden und für Nico und mich gab es kein zurück mehr. Dieses Jahr war Karnevalsflucht angesagt, und das sollte auch gründlich sein. In den hintersten östlichsten Winkel Sachsens soll die Reise gehen, wo garantiert kein Karneval ist, nach Görlitz, die Stadt die vom 2. Weltkrieg verschont blieb. Nach der Wende fast vollständig saniert, ist sie heute mit ihrem erhaltenen historischen Renaissance-Kern ein bedeutendes architektonisches Juwel unter den ostdeutschen Städten.

Auf dem Bahnsteig treffen wir Hans und Henning. Hier oben bekommen wir von dem Karnevalstreiben nicht mehr viel mit, und als der ICE nach Berlin um 9:40 h pünktlich(!) einfährt, sind wir neugierig, was uns an den kommenden Tagen so alles erwartet. In Wuppertal steigen Harald und Frank zu. Jetzt ist die Gruppe komplett, und bei wunderschönem Winterwetter lassen wir die Landschaft an uns vorüberziehen.

In Berlin Ostbahnhof heißt es umsteigen in den RE nach Cottbus. Von hier aus können wir mit der Lausitzbahn direkt nach Görlitz weiterfahren. Diese Strecke wird von der Connex-Gruppe betrieben, und die Zugbegleiterin ist so freundlich und erkennt unseren Gruppenfahrschein von der DB an. So kommen wir eine ganze Stunde früher als geplant in Görlitz an, ohne etwas zuzahlen zu müssen. Die DB gibt in ihren Reiseverbindungen nur die eigenen Strecken vor, nicht aber die der anderen Bahngesellschaften, auch wenn sie kürzer sind. Das hätte auf DB-Strecken ein nochmaliges Umsteigen erfordert, und eben eine ganze Stunde mehr Fahrzeit. So sind wir bereits kurz nach 17:30 h in Görlitz. Ein eisiger Ostwind empfängt uns; man merkt es: Im Rheinland sind die Temperaturen doch um einiges milder als hier.

Mit der Straßenbahn fahren wir in Richtung Altstadt, ein Stückchen müssen wir noch zu Fuß laufen, dann stehen wir vor dem Hotel Tuchmacher, mitten in der Altstadt. Der Empfang ist herzlich, mit den Zimmern und dem übrigen Ambiente sind wir zufrieden, und im Restaurant lassen wir bei gutem Essen und Trinken den ersten gemeinsamen Abend ausklingen.

Der nächste Morgen empfängt uns mit klarer kalter Winterluft und herrlicher Sonne. Nach dem Frühstück ist erst einmal ein kleiner Rundgang angesagt. Die wunderschönen restaurierten Häuser mit ihren prächtigen bunten Portalen um uns herum bestimmen die Altstadt, überragt von der mächtigen gotischen Kirche St. Peter.

Anschließend sehen wir uns den Görlitzer Bahnhof erst einmal näher an, der schon bessere Zeiten erlebt hat. Jetzt gibt es hier fast nur noch Regionalverkehr, und etwas verloren wirken die VT 612 und 642 in der riesigen Bahnhofshalle. Mittags fährt ein IC nach Breslau und braucht für die rund 150 km lange Strecke fast 4 Stunden. Wie schlecht müssen die Gleise in Polen sein!

Wir ziehen dann doch einen kurzen Ausflug vor und fahren mit der Straßenbahn zur Landeskrone, dem "Hausberg" von Görlitz, am Stadtrand gelegen. Hier liegt noch Schnee, und auf teils glatten Wegen erklimmen wir den Gipfel und haben von hier aus eine wunderbare Sicht auf die Stadt und das Riesengebirge. Zurück in Görlitz sehen wir uns noch das schöne Jugendstil-Warenhaus an, (heute Karstadt) was auch noch von seiner Original-Innenarchitektur kaum etwas verloren hat. Nur die kalten Neon-Röhren wollen dort einfach nicht so recht hineinpassen.

Der nächste Tag sollte zum ersten großen Höhepunkt unserer Reise werden: Kreuz und quer durch die Lausitz. Um 10:33 h fahren wir mit der LausitzBahn nach Zittau. Kurz hinter Görlitz sehen wir zur Rechten die Reste des Braunkohlentagebaus. Trotz des schönen Sonnenwetters wirkt alles braun und öd. Der trockene Boden und die kahlen Sträucher und Bäume um diese Jahreszeit tun ihr übriges dazu.Langsam geht es voran. Der Triebwagen, ein VT 642 zuckelt mit höchstens 50 km/h auf polnischer Seite durch das Neißetal gen Zittau. Die Schienenstöße sind unüberhörbar. Jahrzehntelang wird an dieser Strecke nichts saniert worden sein. Inzwischen hat sich die Gegend zu einer wildromantischen waldreichen Flusslandschaft gewandelt. In regelmäßigen Abschnitten stehen östlich der Neiße die polnischen und westlich die deutschen Grenzpfähle, jeweils an den Landesfarben erkennbar.

In Zittau angekommen, springt uns das wunderschöne restaurierte Bahnhofsgebäude aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Auge. Ein riesiges palastartiges Gebäude, überdimensioniert für das kleine Städtchen. Gleich vor dem Bahnhof, den Vorplatz überquerend, liegen die Schienen der Schmalspurbahn nach Oybin und Jonsdorf. Das kleine Bahnhofsgebäude gibt sich bescheiden und liegt seitlich neben seinem großen Bruder. Bimmelnd und pfeifend fährt die Dampflok 99 758 mit ihren fünf Wagen auf den Bahnsteig ein. Im gut geheizten Buffetwagen machen wir es uns gemütlich. Gemächlich ruckelt der Zug durch die Vorstadt, bis er endlich die Häuser hinter sich gelassen hat und langsam, stetig bergauf, das Zittauer Gebirge erreicht. In Bertsdorf teilt sich die Strecke. Hier ist der Abzweig nach Jonsdorf. Wir fahren weiter hoch nach Oybin. Um die Doppelausfahrt in Bertsdorf zu erleben, fahren wir mit dem nächsten Zug gleich wieder zurück. Leider macht uns der Weichensteller einen Strich durch die Rechnung. Er lässt den Oybiner Zug auf das hintere Gleis einfahren, verdeckt vom Bahnhofsgebäude, das in Insellage steht. So bekommen wir von dem Zug Richtung Oybin nur die Dampfwolken zu sehen. Dafür haben wir aber den Zug nach Jonsdorf gut vor der Linse, wie er in scharfer Kurve den Bahnhof hinter sich lässt. Ein kleines Trostpflaster für das lange Warten.

Zurück in Zittau wird es richtig spannend: Wir warten auf den Schienenbus der Hochwaldbahn, der für die Sächsisch-Böhmische Eisenbahngesellschaft (SBE) die Nebenstrecke nach Eibau bedient. Das altbekannte Brummen eines Uerdinger Schienenbusses kommt immer näher zu uns heran. Und da ist er, ein ex VT 98 der DB, ex Dürener Kreisbahn, fährt ein. Nostalgie pur! Außer uns sind nur wenige Fahrgäste im Wagen. Die SBE leistet sich sogar den Luxus einer Zugbegleiterin. Mit dem Triebwagenführer kommt Nico ins Gespräch, und dieser zeigt sich als verständnisvoller Eisenbahnfreund. An besonders schönen Haltepunkten legt er eine kleine Pause für einen Fotohalt ein. Und das im ganz normalen Planverkehr. Wo gibt es so was sonst noch?
Unterwegs zeigen die großen Bahnhofsanlagen und Fabriken von der ehemals wirtschaftlichen Blüte Sachsens und Schlesiens. Heute sind die Fabrikhallen leer und verfallen, die Gleise größtenteils abgebaut, die noch verbliebenden Güterabfertigungsgebäude ohne Funktion. Völlig verwahrlost, wie tot stehen sie noch am Rande der Strecke. Bessere Zeiten werden sie wohl nicht mehr erleben. Jetzt zuckelt der Schienenbus ein Stück durch die winterliche Tristesse nach Tschechien rein, im riesigen Bahnhof Varnsdorf grüßt der tschechische Bahnhofsvorsteher mit der Kelle seinen deutschen Kollegen. Unser Schienenbus hält hier nicht, es ist keine Grenz-, sondern nur Durchfahrtsstation. Kurz darauf sind wir wieder auf deutscher Seite. In Eibau endet die Fahrt mit dem Schienenbus. Von hier aus geht es weiter mit einem modernen VT 642 nach Wilthen, dort steigen wir um nach Bautzen und von dort fahren wir über Löbau zurück nach Görlitz.

Der Sonntag zeigt sich nicht von seiner besten Seite. Der Himmel hat sich zu einem einheitsgrau zugezogen. Unser Ausflug in das polnische Görlitz ist genauso trist wie das Wetter. Reihen von Plattenbauten, in sehr schlechtem Zustand bestimmen das Stadtbild. Hier muss noch viel passieren, wenn Görlitz gemeinsam mit dem polnischen Bruder Kulturhauptstadt im Jahr 2010 werden will. Der Bahnhof ein Bild des Grauens. Das Gebäude aus den 50iger Jahren ist völlig verfallen. Die Scheiben verklebt die Eingangstüren verschlossen. Er macht den Eindruck, dass er jeden Moment zusammen fallen wird. Da die Gleise in Tal-Lage liegen, ist er als solcher auch gar nicht zu erkennen. Die "Abfahrtstafel", aus einer aufgeklebten Folie ö.ä. bestehend und außen hoch oben am Gebäude angebracht, ist kaum sichtbar für Unwissende. Leider kam um die Vormittagszeit kein passender Zug für uns um ein wenig das Landesinnere zu erforschen und so treten wir auf ebenso tristen Wegen den Rückweg gen Westen an.

Für den Montag war noch mal eine richtig schöne Eisenbahntour angesagt: Elbsandsteingebirge und Sächsischer Semmering. Abfahrt von Görlitz war wieder 10:33 h Richtung Bautzen, dort hieß es umsteigen nach Richtung Neustadt und Pirna. Bis zur Weiterfahrt nach Bad Schandau schauen wir uns kurz in Pirna um. Das kleine Städtchen an der Elbe hat einen noch völligen erhaltenen Stadtkern, der nach und nach aufs Feinste restauriert wurde. Nur wenige Gebäude zeigen noch das DDR-Einheitsgraubraun. Der Marktplatz sieht noch fast genau so aus, wie Canaletto ihn vor mehr als 200 Jahren gemalt hat. Leider spielt das Wetter heute nicht so ganz mit. Nachdem es auch noch anfängt zu regnen, freuen wir uns auf die Weiterfahrt Richtung Kirnitzschtal. Von Bad Schandau fährt der Triebwagen VT 642 fast im Schritttempo über die Elbbrücke, bis er langsam sein Tempo beschleunigt und in das Kirnitzschtal einbiegt. Hier beginnt der sächsische Semmering. Wegen der kurvenreichen und gebirgigen Landschaft wird dieser Streckenabschnitt gerne mit dem Semmering in Österreich bei Wien verglichen. Es geht stetig bergauf. Man sieht links und rechts große Elbsandsteinfelsen übereinander aufgeschichtet, und man hat den Eindruck, dass diese jeden Moment zusammen stürzen könnten. Aus den Felsritzen wachsen großteils Bäume und Sträucher. Vorzugsweise Birken und Krüppelkiefer, die mit diesen wenigen Nährstoffen anscheinend gut zurechtkommen. Diese wilde Gegend hier gab in der Zeit der Romantik vielen Dichtern die Inspiration für ihre Werke. Der Zug hat höchstens eine Geschwindigkeit von 40 km/h. Baufällige Brücken über tiefe Schluchten zwingen den Zug wieder mal zur Langsamfahrt im Schneckentempo. Nach und nach lichtet sich die waldreiche Gegend und wir erreichen eine hügelige mit Wiesen bedeckte Hochebene.  Den höchsten Punkt haben wir jetzt erreicht, mit über 405 m ü.M. Jetzt geht es durch weite Täler und Landschaften langsam talwärts. Vorbei an Burg Stolpen wo Gräfin Kosel, die Mätresse August des Starken, 49 Jahre gefangen gehalten wurde. Langsam rollen wir Richtung Pirna zurück. Wieder sehen wir verfallene Bahnanlagen, abgebaute Gleise, leere Fabriken. Das Bild von vorgestern wiederholt sich.

Während in den Karnevalshochburgen am heutigen Montag kräftig gefeiert wird, ist von Karneval hier (fast) nichts zu spüren. Die Bäckereien bieten zwar überall Berliner (Pfannkuchen) an, aber keiner kauft sie! Bei der Rückkehr nach Görlitz hatten die frustrierten Verkäuferinnen ihre Berliner-Berge kaum abgebaut.

Nette Kerle? (Fast) keine gesehen! Schwules Görlitz? Keines gefunden! Aber einen kleinen Augenschmaus gab es doch. Unser netter Kellner, Matthias, im Hotel-Restaurant war ein echtes Mausebärchen. Blond, etwa Mitte 20, gutaussehend, immer ein charmantes Lächeln drauf, verwöhnte er uns mit perfektem Service, und alle genossen es, von so einem Goldschatz verwöhnt zu werden. Er verstand es mit seiner liebenswürdigen Art, den Getränkekonsum bei uns kräftig anzukurbeln. Ob er wusste, dass wir schwule Eisenbahnfreunde sind, werden wir vermutlich nicht erfahren.

Nach so tollen und erlebnisreichen Tagen heißt es am Dienstag wieder den Heimweg anzutreten. Diesmal über Dresden nach Frankfurt. Mit dem ICE 1558 mit Neigetechnik geht es flott in kurvenreicher Fahrt über Weimar, Erfurt nach Frankfurt/M. Hier müssen wir noch mal umsteigen in den ICE nach Köln. Über die Neubaustrecke rechtsrheinisch fliegt der Zug mit manchmal fast 300 km/h an den Autos vorbei, die nebenher auf der A3 rollen. Pünktlich um 18:15 h sind wir wieder in Köln. Der Alltag kann wieder beginnen.

Klaus

Flügelrad aktuell - Terminkalender - Berichte - Bilder - Kontakt - Mitgliedsantrag - Satzung - Impressum

© 2004 Flügelrad e.V.