Bogestra- Fahrschule 4.10.2003

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Zum zweiten Mal seit Flügelrad-Geburt startete an einem Oktober-Samstag die Bogestra-Fahrschule. Es ist die mir einzige bekannte Möglichkeit, selber Straßenbahn fahren zu können, natürlich unter der Aufsicht eines ausgebildeten Fahrlehrers. Dabei ist es nicht einmal die Bogestra (Bochum-Gelsenkirchener  Straßenbahn) selber, die dieses Erlebnis anbietet, sondern die VHAG: Verkehrshistorische  Arbeitsgemeinschaft der Bogestra.

Ein sehr aktiver Verein, der sich durch zwei Besonderheiten auszeichnet. Zum einen findet man hier viele Bahn- und Busfahrer, die trotz ihres stressigen Berufs noch Zeit und Muße finden, sich in ihrer Freizeit dem Thema ÖPNV zu widmen. Zum anderen findet man hier aber auch ein Unternehmen, das der VHAG offen und fördernd unter die Arme greift. Der eher anzutreffenden „Was kostet das? – was bringt das?“- Mentalität anderer Verkehrsunternehmen zum Trotz.

Begeben wir uns also zur Hauptverwaltung der Bogestra, Ecke Universitätsstrasse/ Oskar-Hoffmann-Straße in Bochum. Hier befindet sich auch ein Betriebshof, in dessen Wagenhalle Alt und Neu gedeihlich beieinander stehen. Die VHAG Bogestra verfügt über eine Anzahl von historischen Fahrzeugen, die hier abgestellt sind. Da steht Niederflurwagen neben Boggie-Bahn, M-Wagen neben dem Fahrschul-Vierachser und die andernorts drängende Frage „Wohin mit den historischen Fahrzeugen?“ scheint es hier nicht zu geben.

Sechs Leute hatten sich  zur diesjährigen Fahrschule angemeldet; leider konnte André aus Köln wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen. Unser Fahrlehrer, Christian Boden nebst Mann, erscheint, womit klar ist, dass „er also auch zur Familie  gehört“, ein paar Fahrzeuge werden rangiert, und dann sehen wir den „620“, einen Düwag-4-Achser, Baujahr 1967 und als Fahrschulwagen hergerichtet. Der Fahrlehrer sitzt links hinter dem Fahrschüler und kann mittels eigenem Fahrpult und Fahrschalter sofort in die Versuche des Fahrschülers eingreifen. Die übrigen Fahrschüler können auf mit Pulten ausgerüsteten Einzelsitzen Platz nehmen; sozusagen ein rollendes Klassenzimmer. Kurze Einweisung am Fahrzeug, damit man auch weiß, welcher Knopf wofür, welcher Hebel wie und welches Pedal wann bedient werden muss.

Als erstes meldet sich Peter Stenshorn aus Köln freiwillig zum Dienst: Automat einschalten, läuten, langsam aus der Wagenhalle raus, auf die hoch abenteuerliche Kreuzung mit der Universitätsstraße zu. Blinken, schauen und dann langsam losfahren. Das erste Bremsen und Beschleunigen geht noch etwas ruckartig; man hört „Huch“ und „Hoppla“ aus dem Wagen, aber dann rollt der 4-Achser. Peter hat das Eis gebrochen!

Wir fahren durch die Bochumer Innenstadt, achten auf einkaufsgestresste Passanten (und nette Kerle an den Haltestellen) und folgen der Route der Linie 302 nach Gelsenkirchen- Buer, Rathaus. Signale, Trenner, Autoverkehr, leichtes Einbremsen, Passanten, Geschwindigkeit halten, läuten, nicht in Fahrstufe 12 bleiben, rollen lassen, nasse und rutschige Schienen, sachtes Bremsen, Federspeicher einschalten, schnell nach „Null“ zurück, dort steht die „H“-  Tafel. Wie gut, dass wir Christian im Rücken hatten, im wahrsten Sinne  des Wortes, der immer wieder korrigierend und helfend eingriff. Reihum kommt jeder einmal dran, mindestens eine halbe Stunde „Knüppelwagen“, diesmal auf der Route der Linie 301 Gelsenkirchen- Horst, Hauptbahnhof und von dort zurück in den Betriebshof an der Universitätsstraße. Wer gerade nicht fuhr, fachsimpelte mit den anderen, schaute sich die Stadt an, las im Signalbuch der Bogestra oder auch in der „First“ oder tat sich gütlich an der Verpflegung: Tee oder Kaffee mit einem Stück Kuchen sowie Wasser oder Limonade standen bereit.

Weiter ging es nun mit einem modernen Fahrzeug. Der M-Wagen 323, ebenfalls ein Düwag-Siemens-Kind, steht für uns bereit zur Fahrt in das Sauerland. So nennen wohl die Bogestra-Fahrer die Route der Linie 310 nach Witten-Heven. Und in  der Tat habe ich selten eine so romantische und verwegene Straßenbahnstrecke gesehen, geschweige dann selber befahren. Das Bähnchen windet sich in heftiger Berg- und Talfahrt mit abenteuerlich (un)gesicherten Bahnübergängen, teilweise eingleisig mit Ausweichstellen, bald durch Wald und Flur, bald mit 10 km/h durch einen Innenstadtbereich, um dann nach einer tollkühnen Schussfahrt mitten in der Taiga zu enden. „Witten-Heven Dorf“  nennt sich die eingleisige Endhaltestelle, die ich beinahe unfreiwillig verlängert hätte, wenn sich Christian nicht deutlich zu Wort gemeldet hätte: „Da vorne ist gleich Schluss!“ Zum Glück lässt sich der M-Wagen ausgezeichnet fahren, ein kleines Kraftpaket mit recht guten Fahreigenschaften. Unser Fahrlehrer hatte auf der Wittener Strecke so seine Sorgen: die Kreuzungsstellen sollten wir pünktlich erreichen, um den  Planverkehr nicht zu beeinträchtigen. Aber auch zu pünktlich war falsch, schließlich gilt ja auch in den Ausweichstellen das Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, und so hätten wir dem Planzug durch zu frühes Einlesen am Meldeempfänger den eingleisigen Abschnitt sozusagen „unter den Rädern wegschnappen“ können. Durch allerlei Tricks gelang jedoch die reibungslose Kreuzung mit dem Planverkehr.

Zurück aus dem “Sauerland” befuhren wir noch den Ast der Linie 306 Richtung Wanne-Eickel bis Bochum-Gordel. Hier wurde umgesetzt und nun ging es zurück zum Betriebshof an der Universitätsstraße. Hier endet dann am frühen Abend unsere Fahrschule, viel zu früh, wie wir alle meinten.

Der Abend endete dann mit einem gemeinsamen Essen beim Griechen, wo wir noch einmal resümierten: Auch das zweite Mal hat allen wieder Spaß gemacht; wir haben interessante Strecken und interessante Fahrzeuge kennengelernt´, und dank unseres Fahrlehrers fühlte sich niemand über- oder unterfordert. Es ist eben schon ein ganz besonderes Erlebnis, selber einmal auf dem Bock zu sitzen! Danke auch an die VHAG der Bogestra und unseren Fahrlehrer, Christian Boden, durch den die Sache überhaupt erst möglich geworden ist. Und soviel  ist jetzt schon klar: nächstes Jahr fahren wir wieder!

Peter, Brühl

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