Ansichten zweier organisierter, schwuler Eisenbahnfans


Angefangen hat alles mit einer Anzeige des FES (damals noch: „Freundeskreis Eisenbahn Südwestdeutschland“) in Stuttgart. Wir lasen diese im „Eisenbahn-Magazin“ unter der Rubrik „Vermischtes“:

„Schwul und Eisenbahnfan? Bei uns ist das möglich! Melde Dich unter …“

„Ach, schön“, dachten wir uns und entschlossen uns ziemlich spontan, einmal zu antworten. Hatten wir doch bis dahin auf unseren Fototouren immer gedacht, dass wir das einzige schwule Eisenbahnfan-Paar auf der ganzen Welt wären.

Wie oft trafen wir zwar andere Männer, die zu zweit oder in großen Gruppen unterwegs waren und den Objekten ihrer Begierde hinterher hetzten. Meistens zeichnete sich ihr Äußeres durch graugrüne Parkas, ungepflegte, zottelige Haare und schwarze Ränder unter den Fingernägeln aus. Oft verbarg sich unter dieser eher abstoßenden Hülle aber ein sehr interessantes, ansprechendes Gesicht und / oder eine propere Figur und noch öfter auch ein kluger Kopf. Jedoch schienen diese Typen außer ihrem Hobby keinen Blick für ihre Umwelt zu haben, geschweige denn für die darin umherlaufenden Mitmänner. So wie uns beide, die sich vor Beginn einer Hobbytour durchaus auch 'mal ein Spritzerchen „Tuckendiesel“ hinters Ohr tupften, und die auch auf ihre Klamotten ein bisschen Wert legten, gerade um sich von dem ganzen Haufen Knipsern etwas abzuheben. Traf man dann mal einen ebenso adrett gekleideten, klugen, gut aussehenden, gut duftenden Typen, der zu all dem auch noch ein bisschen Selbstbewusstsein hatte und sich nicht gleich beim ersten Augenkontakt wegduckte, dann entstand daraus höchst selten eine Bekanntschaft, noch seltener eine Freundschaft.

So haben sich in den letzten 24 Jahren unserer gemeinsamen Fototouren nur sehr wenige nette Kontakte ergeben, aus denen sich über die lange Dauer auch mehr als eine Bekanntschaft entwickelt hat. Schwule Bekanntschaften sind dabei noch seltener gewesen.

So jedenfalls waren wir ganz gespannt auf diesen Haufen organisierter, schwuler Eisenbahnfans in der Nähe von Stuttgart. Suchte da gar jemand nur auf unorthodoxe Weise einschlägige sexuelle Kontakte? Die Antwort auf unseren Brief ließ nicht lange auf sich warten und schon bald machte ich (Harald) mich zur Jahreshauptversammlung des FES nach Stuttgart auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was für ein Grüppchen das da im Südwesten wohl sein mochte.
Was soll ich sagen: Alles auf den ersten Blick ganz „normale“ Männer, meist schon ein paar Jährchen älter als ich, und in erster Linie an der Eisenbahn interessiert - man kann ja nicht hinter die Stirn schauen.

Da jedoch Stuttgart vom Rheinland aus zu weit ist, als dass sich ein regelmäßiger Besuch zu einer Veranstaltung für einen Tag gelohnt hätte, blieb es bei einer „passiven“ Verbindung.
Bis sich Ende 1998 die „Regionalgruppe Rheinland“ des FES meldete und für den Januar 1999 zu einem Treffen ins „Quo Vadis“ einlud. Man wollte sehen, ob es nicht im Kölner Raum auch genügend schwule Bahnfans gab. Gerechnet wurde mit einer kleinen versprengten Schar Unentwegter, so veranstaltete man das Treffen im relativ überschaubaren Nebenraum des „Quo Vadis“. Am Ende kamen bereits an diesem Abend weit über 30 Interessierte zusammen. Berufseisen- und -Straßenbahner, Modelleisenbahner, Eisenbahnhobbyfotografen, Bastler und noch eine Menge mehr Interessen waren vertreten.
Wie es denn die deutsche Gründlichkeit verlangte, war der Gruppe eine lose Verbindung nicht gut genug, und man organisierte sich noch im Sommer 1999 als Verein: die „Schwul-Lesbischen Bahnfreunde Flügelrad e.V.“ waren geboren.

Dass sich aus dem von mir so gedachten Interessenskontakt ein Verein von inzwischen fast 80 Mitgliedern entwickeln würde, hätten mein Mann und ich im Leben nicht erwartet - und so geht es nicht nur uns beiden, sondern wohl allen, die damals beim Ersttreffen dabei waren.

Ein solcher Verein will natürlich mit Leben gefüllt werden. Da gibt es Mitglieder, die sich lieber unterhalten lassen, und es gibt Mitglieder, die auch mal was machen. Leider ist die erste Gruppe die größere. Aber da sind wir, so glaube ich, mit unserem Verein nicht allein auf dieser Welt. Es ist halt so, dass viele Vereinsmitglieder, vielleicht auch weil sie sich die Organisation einer Sache nicht zutrauen, auf die Macher im Verein bauen. Sie sind dann wirklich für viele Ideen und Veranstaltungen froh und machen dankbar mit. Ihre Freude und Zufriedenheit teilen sie einem Gott sei Dank dann auch schon mal mit.
Dann gibt es noch Vereinsmitglieder, von denen man eigentlich gar nicht so genau weiß, warum sie dem Verein beigetreten sind. Die meinen oft auch noch, sie wären sehr wichtig, „machen“ im Vorstand mit (obwohl sich da jeder fragt, was sie eigentlich „machen“) und sind nach relativ kurzer Zeit wieder weg - war was?
Gut, dass sich solche Erscheinungen meistens von selbst in Luft auflösen und dass sie nicht ganz so häufig sind.
Gut ist es, wenn sich im Vorstand Leute treffen, die einen Draht zueinander entwickeln, und die was „machen“, weil sie Spaß daran haben, auch wenn sie sich von Zeit zu Zeit sagen, dass etwas mehr Unterstützung vom Restverein gut täte.
Man fragt sich dann auch schon mal: Musste es eigentlich ein e.V. sein, oder hätte es nicht auch eine „lose Verbindung“ getan? Dann würde man zumindest nicht gewissen Zwängen (vereinsrechtlicher, finanzieller, formgebundener Art) unterliegen. Würden dann aber regelmäßig so viele Interessenten bei den Veranstaltungen und regelmäßigen Treffen erscheinen?

Inzwischen ist es so, dass die ehemalige „Regionalgruppe Rheinland des FES“ sich zu einem größeren Verein entwickelt hat, als das die Mutter heute ist. Dies wird aus dem Schwabenland ohne Groll gesehen. Auch zum dortigen Verantwortlichen hat sich in den Jahren ein recht gutes Verhältnis entwickelt.

Nicht überall in der Republik jedoch wagt man den Schritt, gleich einen eingetragenen Verein zu gründen. Auch ohne die offizielle Form haben sich da Gruppen gebildet, die gemeinsam schwules Leben mit dem Bahnhobby verbinden wollen.
Einmal im Jahr trifft man sich zu den inzwischen legendären „FUN-Treffen“. Dann ist es einfach schön zu sehen, dass nicht alle Bahnfans in sich gekehrte Eigenbrötler sind, die jeden Kontakt zu anderen scheuen, sondern dass es auch viele gibt, die ihre schwulen und ihre Hobbyinteressen miteinander teilen wollen. Da darf dann auch schon mal gejuchzt werden, wenn man sich nach langer Zeit wieder einmal sieht und begrüßt, da sind die Küsschen auf Wange und / oder Mund nicht verpönt, und wird sich auch sehr oft herzlich gedrückt. Man spürt eine gegenseitige Wärme (bringen die Männer von Natur aus mit) und man weiß, dass man unter seinesgleichen ist.

Letztendlich hat sich der Kontakt zum FES durchaus für uns gelohnt, weil dadurch inzwischen nette Freundschaften entstanden sind. Wir konnten unseren Bekanntenkreis um einiges erweitern, und es sind durchweg Menschen dazugekommen, deren Freundschaften wir heute nicht mehr missen möchten. Dies alles konnte aber nur deswegen gelingen, weil wir ohne Vorbehalte aufeinander zugegangen sind, und weil wir immer versucht haben, ehrlich miteinander umzugehen. Gleichzeitig mussten wir nicht andere von unserer Art zu leben überzeugen, und haben nicht unsere Ansichten von schwulem Leben als die einzig wahren hingestellt.
Wir freuen uns auf das FUN-Treffen 2006 in Berlin.

Harald und Frank

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